Das Jahr der Flut

Roman
ISBN/EAN: 9783492313414
Sprache: Deutsch
Umfang: 480 S.
Format (T/L/B): 3.1 x 18.8 x 11.8 cm
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Es ist das Jahr der 'wasserlosen' Flut: Eine tödliche Pandemie ist über die Menschheit hereingebrochen. Hoch über den Dächern der Stadt leben die wenigen Überlebenden, die Gottesgärtner, bei denen die robuste Toby und die zarte Prostituierte Ren Zuflucht gefunden haben. In ihrem biologisch bepflanzten Garten Eden kämpfen sie ums Überleben in einer Welt, die unter der Herrschaft verantwortungsloser Großkonzerne zugrunde gegangen ist. Eine Zukunftsvision, die vielleicht weniger fern liegt, als wir gerne glauben möchten.
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit. Ihr »Report der Magd« wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation. Bis heute stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis und dem Pen-Pinter-Preis. Im Oktober 2017 wird sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Margaret Atwood lebt in Toronto.
1.Toby. Jahr Fünfundzwanzig, das Jahr der Flut  Früh am Morgen klettert Toby aufs Dach, um sich den Sonnenaufgang anzusehen. Sie stützt sich auf den Stiel eines Wischmops: Der Fahrstuhl hat schon seit längerem den Geist aufgegeben, die Hintertreppe ist glatt vor Nässe, und wenn sie ausrutscht und hinfällt, ist niemand da, der ihr wieder aufhilft. Als die erste Hitze aufkommt, steigt Nebel aus dem breiten Baumstreifen hoch, der zwischen ihr und der verfallenen Stadt liegt. Die Luft riecht leicht verbrannt, nach Karamell und Tee und ranzigem Grill, und brennender Müllkippe nach einem Regenguss, ein Asche- und Ölgeruch. Die verlassenen Hochhäuser in der Ferne sind wie die Korallen eines uralten Riffs - ausgebleicht und farblos, ohne Leben. Aber es gibt noch Leben. Vögel zwitschern; es müssen Spatzen sein. Ihre kleinen Stimmen sind klar und scharf, Nägel auf Glas: es gibt keinen Autolärm mehr, um sie zu übertönen. Fällt ihnen diese Stille auf, das Fehlen von Motoren? Wenn ja, sind sie glücklicher? Toby hat keine Ahnung. Anders als manche anderen Gärtner - die Verschrobeneren oder womöglich Überdosierten - ist sie nie der Illusion aufgesessen, mit den Vögeln sprechen zu können. Die Sonne erhellt den Osten, taucht den blaugrauen Nebel des fernen Meeres in rötliches Licht. Die Geier, die auf den Pfählen der Wasserkraftanlage brüten, breiten ihre Flügel zum Trocknen aus, klappen auf wie schwarze Regenschirme. Erst einer, dann ein anderer hebt sich mit der Thermik spiralförmig in die Höhe. Wenn sie plötzlich hinabstürzen, heißt das, sie haben Aas entdeckt. Die Geier sind unsere Freunde, lehrten damals die Gärtner. Sie reinigen die Erde. Sie sind Gottes notwendige dunkle Engel des fleischlichen Verfalls. Stellt euch vor, wie schrecklich es wäre, wenn es den Tod nicht gäbe! Glaube ich immer noch daran?, fragt sich Toby. Aus der Nähe sieht alles anders aus. # Auf dem Dach stehen Blumenkübel mit wildwuchernden Zierpflanzen; auch ein paar künstliche Holzbänke. Es gab einmal ein Sonnendach, unter dem man Cocktails trank, aber das hat der Wind weggeweht. Toby setzt sich auf eine der Bänke, um einen Blick über das Gelände zu werfen. Sie hebt ihr Fernglas, sichtet das Gelände von links nach rechts. Die Lumirosen, die die Auffahrt säumen, sind mittlerweile ausgefranst wie alte Haarbürsten, das lila Leuchten verblasst immer mehr in der zunehmenden Helligkeit. Der Westeingang, das Solargebäude in Lehmsteinoptik, die verknäulte Autoschlange vor dem Tor. Die Blumenbeete, erdrückt von Gänsedisteln und Kletten, umflattert von riesigen Aqua-Kudzumotten. Die Brunnen, die muschelförmigen Becken, in denen das Regenwasser steht. Der Parkplatz mit einem rosa Golfwägelchen und zwei rosa AnuYu Spa-Kleinlieferwagen, auf jedem das Logo mit dem zwinkernden Auge. Ein vierter Kleinlieferwagen ist weiter unten in der Auffahrt frontal gegen einen Baum geknallt: Anfangs noch hing ein Arm aus dem Fenster, aber jetzt nicht mehr. Die breiten Rasenstücke sind überwachsen mit Unkraut. Flache ungleichmäßige Hügel sind unter Seidenpflanze, Berufskraut und Sauerampfer begraben, hier und da sieht man einen Fetzen Stoff, das Schimmern eines Knochens. Dort sind die Leute hingefallen, die gerannt oder über den Rasen getaumelt waren. Hinter einem der Blumenkübel hockend hatte Toby vom Dach aus zugesehen, aber nicht lange. Einige dieser Leute hatten nach Hilfe geschrien, als hätten sie gewusst, dass sie da oben ist. Aber wie hätte sie ihnen schon helfen sollen? Eine fleckige Algendecke liegt über dem Swimmingpool. Es haben sich schon Frösche eingefunden. Die Fischreiher und Grünreiher jagen sie im flachen Ende. Eine Zeitlang hatte Toby versucht, die kleinen Tiere, die hineingefallen und ertrunken waren, aus dem Wasser zu schöpfen. Die grün leuchtenden Kaninchen, die Ratten, die Wakunks mit dem gestreiften Schwanz und der Waschbär-Banditenmaske. Aber jetzt lässt sie sie in Ruhe. Vielleicht bringen sie ja Fische hervor, irgendwie. Wenn das Becken noch mehr zum Tümpel geworden ist.